International Texts
January 1, 2006
DZ Bank Art Collection
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Klaus Honnef
Gottfried Helnwein - Kinderhand und Kindergesichter
Helnweins künstlerische Praxis beruht auf der Erkenntnis der grundsätzlich unterschiedlichen Seinsform von Fotografie und Malerei. Einerseits schöpft er als einer der konsequentesten Multimedia-Künstler überhaupt die spezifischen Möglichkeiten der jeweils verwendeten Medien bis zu den Grenzen ihrer Horizonte aus - neben Fotografie und Malerei die Zeichnung und die Performance -, spiegelt sie andererseits, aber auch gewissermaßen ineinander, so daß sie sich gegenseitig erhellen und in ihrer Wirkung steigern. Mit dem frappierenden Ergebnis, daß seine Aquarelle die leuchtende Transparenz von Diapositiven besitzen, obwohl die Duftigkeit der Farben nicht beeinträchtigt wird, und seine naturalistisch-realistischen Gemälde die Brillanz von Lichtbildprojektionen, die im handwerklichen Medium nur durch akribische Übertragung fotografischer Techniken erreichbar ist, und daß seine Fotografien wiederum die intensive Gegenwärtigkeit von Gemälden erlangen.
Beständig bewegen sich seine Bilder zwischen den Polen der Überschärfe
und der Auflösung.
Jedes gemalte oder fotografierte Motiv ist Gegenstand eines Prozesses
der Transformation, sei es anschaulich evident in Form von mehrteiligen
Bildern oder Bilderreihen, sei es aber auch innerhalb eines einzigen
Bildes. In dem Falle tritt anstelle eines linearen Verlaufs, anstelle eines
kontinuierlichen Wechsels oder eines Kontrastes, eine Art Verdichtung,
als würde sich die Bewegung in die Bildtiefe verlagern, und unmerklich
nimmt in der Wahrnehmung die Intensität des Bildeindrucks zu.
Angesichts der Porträts spricht der amerikanische Schriftsteller William
S. Burroughs denn auch von ihrer Fähigkeit, „dem Betrachter zu zeigen,
was er weiß, von dem er aber nicht weiß, daß er es weiß". Die meisten
derjenigen, die Heinwein neben Burroughs porträtiert hat, gehören zu
den tausendfach abgelichteten Protagonisten der Medienwelt. Ihr
individuelles Abbild hat sich längst in ein Image verwandelt - Keith
Richards, Mick Jagger, Andy Warhol, Willy Brandt, Norman Mailer und
Michael Jackson. Doch in Heinweins Bildnissen, die er als „Faces"
apostrophiert, erscheinen sie, als wären sie zum ersten Mal fotografiert worden.
Für einen Moment blitzt auf, was Walter Benjamin „Aura" nannte;
die Empfindung der Simultanität von nah und fern.
Alles, was ein fotografisches Bild festhält, rückt unweigerlich
in die Distanz, eine räumliche wie eine zeitliche, doch durch technisch
perfekte Abzüge und Vergrößerungen der fotografischen Negative
sowie besondere Präsentation hinter Glas in bleifarbenen mächtigen
Rahmen „organisiert" der Künstler förmlich ein Cross-Over der Medien,
dessen anschauliche Folge der auratische Charakter der meisten seiner
Bilder ist. Sie machen etwas von dem Phänomen der Gleichzeitigkeit
des Ungleichzeitigen sichtbar. Heinwein bedient sich auch
ästhetischer Erfahrungen des Films, und es ist gut vorstellbar, daß er,
der sich durch die häufige Zusammenarbeit mit Johann Kresnik auf der
Bühne auskennt, einmal Filme inszenieren wird. In jedem Fall ist er
Experte auf diesem Terrain. Deutlicher, als in den fotografischen
„Gesichtslandschaften", wird der filmische Einfluß in der Kombination
von Malerei und Fotografie in „Kinderhand und Kindergesichter".
Einer Serie gleichformatiger Kinderbildnisse in unscharfer Darstellung
steht eine im Riesenformat aufgerichtete Kinderhand gegenüber,
wiedergegeben im gestochen scharfen Stil der Fotomalerei, leicht blau
getönt, und während die Fotografien scheinbar Effekte der Malerei
nutzen, forciert die Malerei scheinbar das fotografische Potential
über die Möglichkeiten des technischen Mediums hinaus. Doch die
Unschärfe der fotografischen Bilder entspringt nicht einer
spezifischen Aufnahmetechnik der nicht genau fokussierten Kamera,
sondern der Installation der Bilder, für die der Künstler Milchglas
verwendete. Ein Bild wird im Werk dieses Künstlers zunächst als Bild
erfahrbar, als Gegenstand ästhetischer Reflexionen, die den kulturell
vermittelten Kontakt zur Welt des Gezeigten mittels eines visuellen
Schocks unterbricht, um diese desto eindringlicher zu erfassen.
Vielleicht löst seine künstlerische Arbeit deshalb so viele heftige
Reaktionen aus.
Klaus Honnef




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